Unsere Bauernfamilien
Ueli und Irina Rindlisbacher, Bözberg (AG)


Im Mittelpunkt von Familie Rindlisbacher steht die Mutterkuhhaltung


Ueli und Irina Rindlisbacher führen seit 2020 den Biohof Fraumatt auf dem Bözberg. Im Mittelpunkt steht die Mutterkuhhaltung. Für die Familie ist das mehr als eine Produktionsmethode – es ist Ausdruck ihres Verständnisses von Landwirtschaft und Tierwohl.

Manuela Talenta

Familie Rindlisbacher auf der Weide | Foto: Manuela Talenta
Familie Rindlisbacher auf der Weide | Foto: Manuela Talenta

Wird Anic nach ihrer Lieblingskuh gefragt, muss sie nicht lang überlegen. «Luka», sagt die Vierjährige sofort. Ihr sechsjähriger Bruder Jaron mag Pingu am liebsten, der achtjährige Mias schwärmt für Bonita, Melody und deren Junges Moldau. Dass die Kinder ihre Favoriten haben, wundert die Eltern Irina und Ueli Rindlisbacher nicht. «Sind die Tiere im Stall, gehen wir jeden Abend hin und machen sauber», erzählt Irina.

Drei Standorte Seit 2020 führen Rindlisbachers den Biohof Fraumatt in der Aargauer Gemeinde Bözberg. Aktuell leben 65 Tiere auf dem Betrieb, verteilt auf drei Standorte. Die Familie wohnt am Hauptstandort in Kirchbözberg. Hier weiden die Kühe mit den kleinen Kälbern sowie im Winter die Aufzuchtrinder.

Im Nachbardorf Gallenkirch leben in der Regel jene Mutterkühe, die im Herbst kalben, sowie Zuchtstier Alvier im Familienverbund. Am dritten Standort im ebenfalls benachbarten Linn befindet sich der Hofladen. Der gesamte Viehbestand schwankt je nach Nachwuchs zwischen sechzig und achtzig Tieren der Rasse Simmentaler. Hinzu kommen drei Yaks. Alle Tiere leben in Mutterkuhhaltung, das heisst, die Kälber wachsen im sozialen Verbund der Herde auf, trinken Muttermilch und haben bis zur Schlachtung mit etwa zehn Monaten engen Kontakt zur Mutter. Auf dem Biohof Fraumatt sind die Tiere im Sommer wie im Winter draussen auf der Weide oder im Auslauf anzutreffen.

Der Schritt zum eigenen Betrieb

Ueli, aufgewachsen auf einem Landwirtschafts­betrieb am Stadtrand von Winterthur, lernte Irina über eine gemeinsame Freizeitaktivität kennen. Sie hatte mit Landwirtschaft wenig am Hut. «Aber ich wusste, dass ich einen Bauern heirate», sagt sie und lacht. «Würde sich die Möglichkeit ergeben, Vollzeitbauer zu sein, würde er sie ergreifen.» Und genau so kam es auch. Während seiner Tätigkeit als Agronom suchte Ueli in der Nähe seines  Arbeitsorts eine Unterkunft.

Er fand ein Zimmer auf einem Bauernhof in Kirchbözberg und half dem damaligen Besitzer regelmässig auf dem Hof. «Ich konnte den Kühen jeden Tag  guten Morgen sagen, bekam mit, wenn Kälber geboren wurden, und schätzte die frische Milch.» Kein Wunder also, dass er nicht lang zögerte, als sich die Gelegenheit bot, zuerst Land und Stall in Gallenkirch und zwei Jahre später auch den heutigen Hauptstandort des Betriebs in Kirchbözberg zu übernehmen.

«Unsere Tiere erhalten ausschliesslich
Grundfutter wie Gras und Heu
vom eigenen Betrieb»

Auf Mutterkuhhaltung umgestellt

Das Vieh in Gallenkirch übernahmen Rindlisbachers bereits als Mutterkühe, sodass sie erste Erfahrungen mit dieser Haltungsform sammeln konnten. In Kirchbözberg wurde Milchwirtschaft betrieben. «Ich melke bis heute gern», sagt Ueli. «Aber für uns allein war die Milchwirtschaft zu arbeitsintensiv.»  Deshalb beschloss die Familie, gänzlich auf Mutterkuhhaltung zu setzen, den ganzen Betrieb auf Bio umzustellen und das Fleisch unter dem Label Natura-Beef zu verkaufen. Die Jungtiere verbringen durchschnittlich etwa zehn Monate an der Seite ihrer Mütter. Kraftfutter ist grösstenteils tabu, Soja  ist bei der Natura-Beef-Produktion verboten. «Unsere Tiere erhalten ausschliesslich Grundfutter wie Gras und Heu vom eigenen Betrieb», sagt Ueli.

Hinzugekauft wird praktisch nichts – ausser Stroh zum Einstreuen sowie Mineral- und Viehsalz.»

Die Natura-Beef, die bei Coop in den Verkauf gelangen, werden bei Bell in Oensingen geschlachtet. Vier bis fünf Tiere pro Jahr verkaufen Rindlisbachers direkt ab Hof. Diese werden in der Nähe des Hofes geschlachtet. Rund dreissig Hektar umfasst das Weideland für die Tiere. Den  Sommer verbringen sie im Safiental im Bündner Oberland.

So ist denn auch zwischen Juni und September die ruhigste Zeit für Familie Rindlisbacher. «Ferien machen wir natürlich auch», sagt Irina. Zwei Wochen
liegen jeweils drin, mehr aber nicht. Denn nur weil die Tiere weg sind, bedeutet das nicht, dass es nichts zu tun gibt. Es muss geheut werden, und  ausserdem steht die Getreideernte an. «Wir bauen Brotweizen, Futterweizen und Gerste an», zählt Ueli auf. Nicht zu vergessen sind auch die  Biodiversitätsförderflächen – fast ein Viertel der Betriebsfläche – und rund 250 Hochstammbäume, von Kirsch-, Apfel- und Birnbäumen bis hin zu Zwetschgen- und Pflaumenbäumen. «Die Früchte verarbeiten wir zu Süssmost, Konfitüre, Trockenfrüchten oder gefrorenen und entsteinten Obstpaketen», sagt Irina.

Der Zuchtstier darf nicht auf die Alp

Ganz ohne Tiere ist der Betrieb überdies auch im Sommer nicht, denn einige bleiben das ganze Jahr über daheim. «Dazu gehören Tiere, die aus  gesundheitlichen Gründen nicht gealpt werden können», erklärt der 38-Jährige. Auch Zuchtstier Alvier darf nicht auf die Alp ins Bündnerland, denn dort befinden sich auch Kühe anderer Bauern – und Alvier soll seine Gene schliesslich nicht an jede Kuh weitergeben. Das würde fremde Zuchten durcheinanderbringen.

Auch wenn sich Rindlisbachers kein anderes Leben mehr vorstellen können: Einen Bauernhof zu betreiben ist kein Zuckerschlecken. «So etwas wie Feierabend gibt es nicht, weil immer etwas zu tun ist», weiss Irina.

Mutterkuhherde von Familie Rindlisbacher auf der Alp
Mutterkuhherde von Familie Rindlisbacher auf der Alp

Gleichzeitig schätzt die 39-Jährige die besondere Art von Familienleben, die der Hof ermöglicht. Werden draussen Äste zusammengesammelt, entsteht aus dieser Arbeit vielleicht gleich ein Lagerfeuer für die ganze Familie. Oder man mistet abends den Stall aus und amüsiert sich über die Macken der Tiere. Denn jedes ist so einzigartig wie sein Name.

Übrigens: Um diesbezüglich immer wieder auf neue Ideen zu kommen, folgt die Familie Rindlisbacher einer eigenen Methode. Ueli: «Wir denken uns jedes Jahr ein Motto aus. Danach und nach dem Anfangsbuchstaben der Mutterkuh wählen wir die Namen für die Jungtiere.» Das diesjährige Motto sind alte Namen, weshalb die Kälber Rosmarie, Lukas, Alma, Klemens oder Erna heissen. Letztes Jahr waren es Berge und Pässe. So kam auch die Lieblingskuh von Anic zu ihrem Namen. Offiziell heisst das Tier Lukmania, benannt nach dem Lukmanierpass. Für Anic spielt das aber keine Rolle. Für sie ist und bleibt sie einfach Luka. Ihr Schätzeli.

Natura-Beef – Mehrwert für Mensch, Tier und Natur

Mutterkuhhaltung gilt als die natürlichste Form der Rindviehhaltung und die nachhaltigste Art der Fleischproduktion. Das entsprechende Label Natura-Beef des Vereins Mutterkuh Schweiz garantiert deshalb ein Höchstmass an Tierwohl und -gesundheit sowie Fleischqualität. Die Produkte sind im Detailhandel bei Coop und direkt bei über 750 Landwirtschaftsbetrieben erhältlich.

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