Unsere Bauernfamilien
Christa Buchli, Safien Platz / GR
«Die Alp ist unsere Heimat»
2026 ist von der UNO nicht nur zum internationalen Jahr der Bäuerin und Landwirtin ernannt worden, sondern auch zum internationalen Jahr der Weiden und Hirten. Christa Buchli ist beides: eine Frau vom Land und Älplerin. Sie berichtet uns von ihrer Leidenschaft und warum es die Alpwirtschaft braucht.
Christa, wie bist du dazu gekommen, zAlp zu gehen?
Als Kind ging ich mit meinem Vater im Sommer jeden Sonntag auf die Alp, um nach unseren Tieren zu sehen. So wurde wohl der Grundstein gelegt für meine Liebe zu Kühen und zum Älplerleben. Als ich meinen Mann, Christian, geheiratet habe, habe ich ihm gesagt, dass ich mit 40 dann zAlp gehen werde. Ja und das habe ich auch gemacht – etwas früher sogar.
Für wieviele Tiere sorgst du während des Alpsommers?
Ich betreue zwei Mutterkuhherden mit jeweils 30 bis 40 Mutterkühen und ihren Kälbern. Zusätzlich gehören rund 100 einjährige Rinder dazu.
Gibt es da einen Unterschied in der Betreuung?
Ja klar! Die Jährlinge kennen uns und die Alp nicht. Zu ihnen muss man zuerst eine Beziehung aufbauen. Anfangs Saison sitze ich zusammen mit meinem Hund viel in der Weide. Ich habe dann etwas Salz dabei, so dass die Tiere etwas zum Schlecken haben und uns kennenlernen.
Und die Mutterkuhherden?
Die Kühe kennen mich und die Alp, sie waren ja schon mehrmals hier. Die wissen, wie es hier so läuft. Das vergessen sie auch nicht über den Winter.
Haben die Kühe und Rinder keine Angst vor deinem Hund?
Sie kennen ihn und das ist auch gut so. Ich setze ihn nur selten zum Treiben ein. Er ist einfach mein Begleiter. Bei Wanderern mit Hunden ist das etwas anderes.
Hast du hier Erfahrungen machen müssen?
Ja leider. Es kommt immer wieder vor, dass sich Wanderer – mit und ohne Hund – unter die Tiere mischen wollen. Meistens wollen sie ein Selfie machen. Es ist unglaublich, sie gehen zu den Tieren in die Weide, obwohl es einen Zaun rundherum hat und wir anfangs Saison Warntafeln aufstellen. Die Wanderwege sind überall ausgezäunt, man muss bei uns nirgends eine Weide durchqueren. Glücklicherweise konnte ich die Personen bisher immer rechtzeitig aus den Weiden rausholen.
Warum braucht es deiner Meinung nach die Älplerinnen und Älpler bzw. die Alpwirtschaft?
Die Alpwirtschaft mit ihren Traditionen und Produkten sind Teil unseres Kulturgutes. Auf den Alpweiden finden die Tiere – Rinder, Schafe und Ziegen – rund ¼ des Futters, das sie in einem Jahr fressen. Die Beweidung sorgt für das schöne Bild der gepflegten Natur, das Wanderer und Touristen so gerne sehen. Und die gute Alpenluft und die viele Bewegung ist gut für die Gesundheit der Tiere. Wenn die Jährlinge auf die Alp kommen, laufen sie am Anfang wie Barbiepuppen. Mit der Zeit werden sie kräftiger und robuster – das hat einen positiven Effekt für ihr ganzes Leben.
Was sind die Herausforderungen im Älplerinnenleben?
Auf einer Hirtenalp – also eine Alp wo kein Käse gemacht wird – ist man in der Regel alleine. Man hat sehr viel Verantwortung, denn die Tierbesitzer haben einem ja ihre Tiere anvertraut. Es ist schön, wenn man da einen guten Alpmeister im Rücken hat, der einen unterstützt und bei Problemen einmal zuhört und einen berät. Schlechtes Wetter macht das Älplerleben auch schwierig. Im zweiten Jahr, als ich zAlp ging, hatten wir einen absoluten Regensommer. Ich kam an meine Grenzen und war wirklich frustriert. Als der Sommer vorbei war, hat mein Mann zu mir gesagt: «Heuer entscheiden wir nichts, wir machen nochmals einen Alpsommer».
Du hast also die volle Unterstützung von deinem Mann. Und was sagen deine Kinder zum Älplerinnenleben?
Meine drei Töchter sind mittlerweile erwachsen. Die mittlere Tochter hat Käserin gelernt und ist mit einem Bauern verheiratet. Die Älteste und die Jüngste haben Landwirtin gelernt. Alle drei gehen zAlp. Ich denke, ich habe sie mit meiner Begeisterung angesteckt.
Das kann man wohl sagen! Warum denkst du, dass deine Töchter heute ebenfalls zAlp gehen?
Ich denke, die Alp ist unsere Heimat. Hier fühlen wir uns alle wohl. Als meine Töchter noch jünger waren, haben wir als Familie alle zusammen im Sommer auf der Alp gelebt. Das war die Zeit, wo wir Zeit miteinander hatten. Im Winter hatte ich viel weniger Zeit für meine Kinder und die Familie, da habe ich beispielsweise im Gastgewerbe gearbeitet.
Hast du auch schon schlimme Situationen erlebt auf der Alp?
Ja klar, das gehört dazu. Das Schlimmste ist natürlich, wenn man Tiere verliert. Viele Jahre hatte ich diesbezüglich Glück und konnte alle Tiere heil wieder heim bringen im Herbst. Doch dann sind in einem Sommer zwei Tiere im Steilhang abgestürzt und zwei haben sich ein Bein bzw. den Rücken gebrochen – das ist ihr Todesurteil. Das war wirklich schlimm für mich. Die Wertschätzung und Unterstützung der Bauern und des Alpmeisters haben mir geholfen. Ich wusste, dass ich mir nichts vorzuwerfen hatte.
Was rätst du einem Älpler, der verzweifelt ist, weil das Leben auf der Alp ganz anders ist, als er sich das vorgestellt hat?
Solche Anrufe habe ich als Präsidentin des Bündner Älplerinnenvereins ab und zu während der Alpsaison. Ich höre zu, manchmal hilft das schon – man ist wirklich sehr allein auf der Alp. Und ich rate jedem, nicht zu schnell aufzugeben. Wenn man es schafft, einen Alpsommer durchzuhalten, kann man stolz sein. Und bei vielen ist dann der Funken übergesprungen und sie wollen ein weiteres Mal zAlp gehen.
Vielen Dank, Christa, für das spannende Gespräch. Wir wünschen dir und deiner Familie einen guten Alpsommer!
Die Interviewpartnerin
Christa Buchli ist Älplerin aus Leidenschaft und Präsidentin des Bündner ÄlplerInnenvereins. Sie lebt im Winter mit Ihrem Mann, Christian, in Safien Platz, im Sommer findet man die ganze Familie auf der Alp.