Blog Mutterkuhhaltung
Weidehaltung zur Förderung der Biodiversität
Beat Reidy* – Nicht von ungefähr hat die UNO 2026 zum Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums erklärt. Die Weidewirtschaft gilt als besonders naturnahe und artgerechte Haltung von Wiederkäuern. Sie wird nicht nur von einem Grossteil der Bevölkerung als positiv erachtet, sondern hat auch vielfältige weitere vorteilhafte Auswirkungen. In einer Welt mit zunehmend knappen Ressourcen soll auf die Bedeutung des Graslandes für die weltweite Ernährungssicherheit hingewiesen werden.
Die Weidehaltung ermöglicht in vielen Regionen der Welt die Bewirtschaftung von Flächen, die sonst kaum für die Produktion von Nahrungsmitteln nutzbar wären. Nicht ganz unerheblich, wenn man bedenkt, dass global gesehen rund zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus Grasland bestehen. Der weitaus grösste Teil davon aus niederschlagsarmen Urgraslandschaften (Prärien, Steppen und Savannen), die nur durch Beweidung genutzt werden können. Viele dieser Regionen sind auch Hotspots der Biodiversität und leisten mit der Speicherung von Kohlenstoff im Boden eine wichtige Funktion im globalen CO2-Kreislauf.
Graslandnutzung in der Schweiz ist wichtig für die Biodiversität
In der Schweiz beträgt der Graslandanteil der landwirtschaftlich genutzten Fläche gar 80 Prozent. Im Unterschied zu den natürlichen Urgraslandschaften sind unsere Wiesen und Weiden aber auf eine regelmässige Beweidung oder Mahd angewiesen. In der Wissenschaft spricht man deshalb von «halb-natürlichem» oder «Kulturgrasland». Es hat sich während Jahrhunderten unter dem Einfluss der Nutzung durch den Menschen ausgebildet. Bei einer ungeregelten Nutzung würde ein Grossteil der Flächen umgehend verbuschen und sich innert weniger Jahre wieder in Wald verwandeln. Vor allem in den Bergregionen führt dies zu einem Verlust an Biodiversität.
Alpweiden als Hotspot der Biodiversität
Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die Pflanzenartenvielfalt auf Alpweiden deutlich höher ist als in angrenzenden Waldflächen. Mit einer angepassten Nutzung der Flächen gilt es deshalb prophylaktisch zu vermeiden, dass sich Arten wie beispielsweise die Grünerle oder der Adlerfarn auf Alpweiden etablieren können. Hier kann die Beweidung durch Mutterkühe eine zentrale Rolle spielen. Eine kürzlich erschienene Studie von Agroscope zeigt, dass gerade extensivere Rassen offenbar deutlich weniger selektiv fressen und aufgrund erhöhter Mobilität die Grenzlagen deutlich homogener abweiden. Dies war mit einer deutlichen Zunahme der Pflanzenarten im Vergleich zu einer Beweidung durch produktionsorientiertere Rassen verbunden.
Klee-Gras-Wiesen mit vielfältigem Nutzen
Aber auch Betriebe in Gunstlagen im Mitteland mit intensiver Nutzung können durch die Weidehaltung zum Erhalt der Biodiversität beitragen. An der Universität Kassel wurde kürzlich in einem Versuch der Einfluss einer Weide- bzw. Schnittnutzung auf die Anzahl und Vielfalt der Insekten auf angesäten Klee-Gras-Flächen verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass auf den beweideten Flächen deutlich mehr Insekten anzutreffen waren als bei Schnittnutzung. Grund für den Unterschied dürfte einerseits der unvollständige Frass mit den Kotstellen auf der Weide sein. Andererseits blühte der Weissklee auf der Weide deutlich häufiger und lockte bestäubende Insekten an. Das Beispiel verdeutlicht, dass die aktuell teilweise in Frage gestellten Klee-Gras-Wiesen auf Ackerflächen nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit liefern (nebst vielen anderen positiven Effekten), sondern, entsprechend genutzt, auch zu einer Förderung der Biodiversität beitragen.
Mutterkühe und ihre Kälber sind täglich auf der Weide, sofern es das Graswachstum und die Niederschläge zulassen. Sie tragen damit wesentlich zum Erhalt der Biodiversität bei und liefern gleichzeitig wertvolle Nahrungsmittel.
*Prof. Dr. Beat Reidy ist in den Bereichen Graslandnutzung und Wiederkäuersysteme an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL tätig. Er ist Mitglied des Fachbeirats von Mutterkuh Schweiz und Präsident der AGFF.